 |
| Quelle: photos.com |
Zur Interaktion im Tennis-Doppel zählen keineswegs nur Elemente der Interaktion zwischen beiden Partnern. Vielmehr gibt es auch mit Blick auf das gegnerische Doppel eine ganze Reihe kommunikativer Faktoren ganz gleich, ob diese für die Kontrahenten wahrnehmbar, nur ansatzweise wahrnehmbar oder mitunter überhaupt nicht wahrnehmbar sind. Sie erstrecken sich von formeller Interaktion (Rituale) bis hin zu informeller Interaktion, die die Kontrahenten entweder täuschen oder bewusst auf etwas hinweisen soll.
Formelle Interaktion
Bei formeller Interaktion handelt es sich um ritualisierte Vorgänge. Sie zählen auf dem Tennisplatz zum guten Auftreten, ihre Beachtung ist ungeschriebenes Gesetz.
Beispiele für formelle Interaktion sind unter anderem die Aufschlag- und Seitenwahl nach dem Einschlagen zu Beginn eines Matches und vor allen Dingen der Händedruck am Netz nach Spielende. Im Turniertennis zählt dazu auch das Anzeigen per Armgeste, dass neue Bälle im Spiel sind. Weitere Faktoren sind das Entschuldigen nach einem Netzroller, das Heben der Hand, um dem Gegner zu signalisieren, dass man zum Rückschlag noch nicht bereit ist oder das Herüberreichen derjenigen Bälle, die sich gerade auf der Platzhälfte des Rückschlägers befinden.
Wird der Gegner oder man selbst diesen ungeschriebenen Gesetzen nicht gerecht, so ist dies bereits der informellen Interaktion zuzurechnen.
Informelle Interaktion
Innerhalb dieses Bereiches ist noch einmal zu unterscheiden. Es gibt zum einen die direkte, informelle Interaktion mit den Gegnern, denen hierdurch etwas mitgeteilt werden soll. Andererseits existiert die rein interne Interaktion zweier Doppelpartner mit dem Zweck, ihren Kontrahenten indirekt etwas zu signalisieren.
Unter die direkte Interaktion mit dem gegnerischen Doppel fällt jene Kommunikation, die nicht durch Rituale limitiert ist, sondern dazu dient, dem Gegner in bewusster Absicht etwas zu bedeuten. Diese Absicht kann vom Vorhaben der Täuschung bis hin zur bloßen Demonstration der eigenen Stärke oder ganz bewusster Verunsicherung reichen. Sie ist auf die unterschiedlichste Arten umsetzbar, kann also sowohl mündlich als auch durch Zeichen und Gesten erfolgen.
Schon wenn ein Doppel beim Betreten des Platzes schlichtweg mehr Lockerheit demonstriert und selbstbewusster auftritt, kann dies im Sinne eines ersten Signals an den Gegner von Souveränität zeugen. Manchen Akteuren ist es in diesem Zusammenhang sogar wichtig, überhaupt zuerst den Platz zu betreten oder die näher liegende der beiden Spielerbänke einzunehmen. Auch das rein optische Auftreten kann schon die Rollen verteilen, noch bevor überhaupt der erste Ball geschlagen ist: Wer in austrainiertem, athletischem Zustand, muskelbepackt und vielleicht noch braungebrannt und in modischer, gut aussehender Kleidung den Court betritt, hat sich schon zu diesem Zeitpunkt gewissen Respekt verschafft.
Ein weiteres Beispiel: Als althergebrachtes Phänomen gilt auch, sich nach einem Seitenwechsel zuerst zu erheben und damit Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Im Tie-Break werden nach sechs ausgespielten Punkten bekanntlich die Seiten ohne Pause auf der Bank gewechselt. Trotzdem wird bei diesen Gelegenheiten gerne ein kleiner Schluck des eigenen Getränkes eingenommen. Deshalb wählen alle Spieler beim Wechseln der Platzhälfte den Durchgang zwischen Schiedsrichterstuhl und dem Pfosten auf der entsprechenden Seite des Netzes. Da dieser Durchgang räumlich sehr eng ist, muss über eine Reihenfolge entschieden werden, nach der die beiden Doppel diesen Korridor passieren. Es ist interessant, zu beobachten, dass das Vorrecht in den allermeisten Fällen die gerade in Führung liegende Paarung besitzt.
Auch mündliche Interaktion ist ein oft angewendetes Mittel.
Steht der Aufschläger erstmals bei eigenem Service unter Druck, wird die bewusste Rückfrage nach dem aktuellen Spielstand dessen nervliche Verfassung im diesem Moment sicherlich nicht weiter begünstigen. Zur Irritation des Aufschlägers kann nach BRESKVAR (1985, 108) auch das Hin- und Herwiegen des Oberkörpers beim Return dienen, denn es schafft den optischen Eindruck einer nahezu kompletten Abdeckung (des Korridors, in den der Aufschläger serviert, Anm. d. Verf.). BRESKVAR (1985, 108) zählt zur Irritation des Aufschlägers auch alleine schon die offensichtliche Unruhe des Rückschlägers.
Wie spielen Sie nur diesen überragenden Schlag?
Die gravierendste, aber gleichzeitig auch verbreitetste Form eines mündlichen Beeinflussungsversuches besteht in dem Ausruf - und sei es auch nur im verärgerten Ausdruck über die eigene Leistung -, dass der Gegner doch überhaupt nichts könne. Grund: Tennisspieler halten sich für bessere Spieler, als sie sind - ihr Idealbild differiert vom Realbild (CATH u. a. 1980, 170).
Auch die gezielte Nachfrage Wie spielen Sie diesen überragenden Schlag eigentlich? hat schon in vielen Fällen dazu geführt, dass der Kontrahent vom Erfolgsweg abkam, da fortan vor lauter Nachdenken nicht mehr in der Lage, seinen vorherigen Winnerschlag weiterhin effektiv anzubringen. Selbst beim Einschlagen kann diese Form der Verunsicherung bereits angewendet werden.
Non-verbal kann eine ganz ähnliche Message überliefert werden: Wer dem Kontrahenten nach gelungenen Aktionen stummen Beifall bedeutet, signalisiert stets eine ruhige Souveränität. BRESKVAR (1985, 109) glaubt allerdings auch umgekehrt: Wer die besten Bälle des Gegners zur Kenntnis nimmt, ohne größere äußere Regungen zu zeigen, hat sich schon (...) in dessen Gedankenwelt eingeschlichen.
Auch in bewussten Fehlentscheidungen, vorzugsweise bei knappen Bällen, kann eine non-verbale Methode zur gezielten Verunsicherung bestehen. Bewusste Verzögerung von Spielsituationen - beispielsweise vor dem eigenen Return - kann den gleichen Effekt haben.
Um direkte, informelle Interaktion handelt es sich übrigens auch dann, wenn die bereits eingangs beschriebenen Faktoren formeller Interaktion außer Acht gelassen werden. Schließlich kann sich hierdurch die gegnerische Formation bewusst provoziert sehen. Etwa dann, wenn die sich auf der Platzhälfte der Rückschläger befindlichen Bälle nicht herübergereicht, sondern mit Brachialgewalt herübergeschossen werden. Die gravierendste Bedeutung hat in diesem Zusammenhang sicherlich ein verweigerter Händedruck nach einem Match.
Informelle Interaktion mit dem Gegner kann aber auch durchaus negative Wirkungen auf das eigenen Spiel zur Folge haben. Ärgert sich ein Spieler in Folge seiner Fehler sehr und kann diesen Ärger nicht in positive Energien transformieren, so wird er damit seinem Gegenüber mehr helfen als ihn irritieren. Hierauf verweist auch BRESKVAR (1985, 108): Wer nach außen hin Unzufriedenheit und Ärger demonstriert, zeigt Zeichen von Schwäche, die den Gegner stärken. Ist man allerdings in der Lage, neue Kraft aus der Aggression zu schöpfen - das berühmteste Beispiel hierfür dürfte der ehemalige amerikanische Weltranglisten-Erste John McEnroe sein -, so kann der Gegenüber durchaus wirkungsvoll von seinem Konzept abgebracht werden.
Interne Interaktion mit dem Ziel, die Gegner zu beeinflussen
Doch auch wenn Doppelpartner rein intern (also vordergründig nicht mit den Gegnern) interagieren, kann sich diese Interaktion sehr wohl auf die Kontrahenten beziehen ebenfalls mit dem Zweck, diese zu beeinflussen.
Wer etwa zwischen den Ballwechseln viel miteinander spricht, hilft damit nicht nur sich selbst, sondern demonstriert auch innere Geschlossenheit nach außen. Hierzu bemerkt NAVRATILOVA (1984, 142): Das Partnergespräch während des Matches macht locker und entspannt und gibt den Gegnern zu erkennen, dass wir ein Team sind.
Solche Gespräche sind auch alleine schon aus taktischer Sicht wichtig. In dem Augenblick, wo man beispielsweise übereinkommt, eine besondere Formation - z. B. die australische Aufstellung - zu wählen oder Unzulänglichkeiten des schwächeren Spielers des gegnerischen Doppels besonders kompromisslos zu nutzen, besteht ein entscheidender Berührungspunkt der auf den Gegner bezogenen Interaktion mit der rein internen Interaktion der beiden Partner.
Einheit demonstriert auch das gegenseitige Abklatschen oder das Zeigen der Faust nach gelungenen Schlägen oder Punktgewinnen und es dient ebenso zur gegenseitigen Aufmunterung bei Rückständen.
Und nicht zuletzt zählen hierzu auch die bereits näher beschriebenen, taktischen Zeichen. Sie können in aller Regel von den Gegner nicht erkannt werden und signalisieren neben ihrer direkten Einwirkung auf den Verlauf des kommenden Ballwechsels auch gleichzeitig eine gute interne Abstimmung.
Ähnliches gilt dann, wenn bewegliches Wechselspiel am Netz, Rochaden, Wildern und Täuschungsmanöver Unsicherheit beim Gegner erzeugen (SCHÖNBORN 1981, 193). Somit fällt es sogar weniger ins Gewicht, wenn zum Beispiel das von CATH u. a. (1980, 143) sicherlich zu Unrecht als exhibitionistisch titulierte Wildern in einem Ballwechsel einmal nicht den gewünschten Erfolg brachte. Selbst wenn dieser Punkt verloren wurde, so wird die gegnerische Paarung durch solche Überraschungsmomente doch verunsichert, was sich in den unmittelbar anschließenden Situationen dann zumeist auch zeigt (vgl. auch BRADEN 1979, 239). So warnt auch BRADEN (1979, 235) eindrücklich davor, nach Kollisionen bei Bällen durch die Mitte beim nächsten Versuch keinen Mut mehr aufzubringen. Denn: Irritationen zeigen, daß wir das offensive Team sind (BRADEN 1979, 239).
Die Handlungsfähigkeit des Reagierenden einschränken
Dabei müssen diese Irritationen nicht einmal tatsächlich ausgeführt werden. Sie können auch im Sinne einer beabsichtigten Täuschung nur angedeutet sein. Dann tritt das von EBERSPÄCHER (1993, 187) definierte Phänomen auf: Bei einer Täuschung werden dem sozialen Partner Informationen signalisiert, die dieser in ihrer Bedeutung falsch einschätzt. Der Getäuschte baut Erwartungen auf, die nicht den Absichten desjenigen, der täuscht, entsprechen. Somit sei die Handlungsfähigkeit des Reagierenden für kurze Zeit eingeschränkt, was mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in einem Punktverlust resultiere.
Als generelles Fazit muss jedoch angeführt werden, dass die gezielte Beeinflussung des Gegners umso schwieriger wird, je höher das Leistungsniveau ist.
Schon bei Spielern der deutschen Rangliste zählen gezielte psychoregulative Techniken, die auch während der Partie und insbesondere beim Seitenwechsel angewendet werden können, zur Vorbereitung, um für genau solche Situationen gewappnet zu sein (vgl. hierzu vor allem BRESKVAR 1985, 81-89).
Gerade misserfolgsängstliche Spieler (GABLER 1982, 113) sind für Beeinflussungsversuche anfällig und sollten bereits im kontinuierlichen Trainingsprozess lernen, mit solchen Situationen umzugehen und sie gleichwohl zu meistern. Solches Training wird als Stresstraining (BRESKVAR 1985, 89) bezeichnet. In ihm werden gezielte Stressreize gesetzt und dadurch entsprechende Situationen simuliert - allerdings ist es zugegebener Maßen schwer, hierbei eine in der Tat wettkampfgerechte Situation zu schaffen.