TENNIS-DOPPEL: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile
Informationen, die gewöhnlich mündlich oder durch Zeichen gegeben werden, können – sobald ein Doppel gut aufeinander eingespielt ist – auch der nahezu „blinden“ Übermittlung unterliegen. Die Fähigkeit zur „blinden“ Interaktion wird gar mit als das wichtigste Bindeglied zwischen den beiden Doppelpartnern angesehen.

„Blinde“ Interaktion erfolgt nicht durch direkte Zeichen, Gesten, Symbole oder Sprache, sondern vorwiegend durch das gegenseitige Spielverständnis der beiden Akteure. Ziel dieses Interaktionsprozesses ist, die Absicht des Partners auch ohne einen gewöhnlichen Vorgang von Interaktion zu erkennen und auf die jeweilige Situation im Match entsprechend zu reagieren.
Unter „blinde Interaktion“ fällt aber beispielsweise auch gerade in mentaler Hinsicht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich nicht hinter dem - vielleicht stärkeren - Partner zu „verstecken“ bzw. umgekehrt bewusste Hilfe für den Mitspieler zu erbringen. Diese Notwendigkeit ist vor allem dann gegeben, wenn sich die Partner hinsichtlich ihrer Charaktere in einen „erfolgszuversichtlichen“ und „misserfolgsängstlichen Typ“ unterscheiden (vgl. GABLER 1982, 113). So ist nach GABLER der misserfolgsängstliche Typ durch Ängstlichkeit, Skepsis, Zaudern und Selbstvorwürfe gekennzeichnet und gleichwohl durch den Gegner leichter beeinflussbar als der typische, erfolgzuversichtliche Spieler, der seinerseits eine geradezu unerschütterliche Erfolgserwartung habe und „fähiger zum Selbstansporn“ sei.


Das Umschalten als Paradebeispiel

Ein Paradebeispiel für das Prinzip „blinder“ Interaktion wird auch erkennbar am gleichzeitigem Umschalten von defensiver auf offensive Spielweise (oder umgekehrt), noch bevor der jeweilige Partner den im Spiel befindlichen Ball überhaupt geschlagen hat (vgl. SCHÖNBORN 1981, 187).

Bei gut funktionierenden Doppelpaaren ist darüber hinaus häufig zu erkennen, dass einer der beiden Spieler einen Ball zunächst „taktisch“ setzt, um seinem Partner den Punktgewinn zu erleichtern, da dieser sich in einer vorteilhafteren Position befindet. „Man muss immer für zwei Personen denken und mit dem Partner im Geiste mitspielen. Nur so werden die sich bietende Chancen wahrnehmbar“ (SCHÖNBORN 1981, 190).

Auch wird „blinde“ Interaktion deutlich anhand der zum adäquaten Zeitpunkt umzusetzenden, taktischen Grundregel des gegenseitigen Nach-Vorne-Verschiebens der Spielpositionen entlang der Winkelhalbierenden, um nach eigenen Angriffsbällen den Winkel zu verkürzen und in eine vorteilhaftere Ausgangsposition für die weiteren Ballwechsel zu gelangen.

Als einen ebenfalls wichtigen Bestandteil der „blinden“ Interaktion führt SCHÖNBORN (vgl. 1981, 193) die Notwendigkeit an, dass der mittlere Platzkorridor im Tennis-Doppel von beiden Partnern optimal abgedeckt werden muss. Ist dies nicht der Fall, bieten sich für das gegnerische Doppelpaar plötzlich ungeahnte Möglichkeiten zum Punktgewinn, ist es doch deutlich einfacher, einen Schlag durch die Platzmitte anzubringen als einen der beiden schmalen Seitenkorridore anzuvisieren. Die optimale Taktik lautet deshalb nach SCHÖNBORN (1981, 192): „Die Seitenlinien bewachen, die Mitte schließen“.

Besonders wichtig: Damit ein Doppelpaar auf menschlicher Basis optimal miteinander harmoniert und somit „blinde“ Interaktion überhaupt funktionieren kann, müssen die drei grundlegenden sozialen Hauptbedürfnisse für jeden Spieler durch das gemeinsame Zusammenwirken erfüllt werden: Inclusion (Einbindung), Control und Affection (Zuneigung).

Als weitere, zentrale Voraussetzung für „blinde Interaktion“ existiert darüber hinaus ein Normengefüge, welches beide Partner verinnerlichen müssen. Diese Normen werden allerdings nie explizit ausgesprochen und sind somit ein zentraler Bestandteil der „blinden Interaktion“. „Normen machen Gruppenmitglieder füreinander kalkulierbar, sie sichern den Verlauf der Beziehungen“ (EBERSPÄCHER 1993, 226). Weicht ein Spieler von einer Norm oder mehreren dieser Normen ab, so hat er mit Tadel oder gar Sanktionen durch seinen Partner zu rechnen (vgl. EBERSPÄCHER 1993, 227).

Vierteiliges Normengefüge als Basis

Das Normengefüge ist in vier Sektionen unterteilt.

Zum einen haben es die Doppelpartner mit „vorschreibenden Normen“ zu tun.
Diese beziehen sich auf konkret definierte Verhaltensmuster, von denen nur im äußersten Extremfall abgewichen werden darf. Als Beispiel ist hier die Übereinkunft über das Absolvieren regelmäßigen, gemeinsamen Trainings zu nennen. Beiden Spielern sollte klar sein, dass der Ausfall einer Einheit nur in gravierenden Fällen - wie zum Beispiel Krankheit - dem Partner gegenüber vertretbar ist und anderweitige Verpflichtungen - sofern nicht unabdingbar vorrangig - zurück zu stellen sind.

Der zweite Sektor von Normen bezieht sich auf Verhalten, das innerhalb des Doppels aufgrund eines gemeinsamen Konsenses als verpönt gilt. Solche geächteten Normen sind etwa die Notwendigkeit für einen impulsiven Spieler, seine Emotionen im Interesse der Konzentrationsfähigkeit des Partners zurück zu halten.

Um gestattete Normen handelt es sich, wenn ein Verhalten zwar ungern gesehen wird, aber dennoch von vorne herein erwartet und toleriert wird. Dies ist der Fall, wenn im oben genannten Beispiel der impulsive Spieler seinen Ärger auf eine kurze und prägnante Unmutsäußerung beschränkt.

Beim vierten und letzten Bereich handelt es sich um Vorzugsnormen. Diese werden vom Partner gerne gesehen, werden aber nicht grundlegend gefordert. Paradebeispiel hierfür wäre, wenn ein kommunikationsbedürftiger Spieler mit einem bekanntermaßen verschlossenen Akteur ein Doppelpaar bildet. Ein wichtiger Schritt des letzteren wäre demzufolge, eine Kommunikation trotzdem nicht stets abzublocken, sondern dem Bedürfnis seines Partners Rechung zu tragen, auch wenn dieser aus Rücksichtnahme auf seinen Nebenmann und dessen Wesen dies nicht als bedingungslose Forderung für sich selbst reklamieren kann.


Die Rollen: Klarheit, aber auch Akzeptanz

Neben dem beschriebenen Normengeflecht treten allerdings auch Rollenklarheit und gegenseitige Rollenakzeptanz als Regelgrößen in einem Tennis-Doppel auf und können demzufolge auch die Ursache für auftretende Probleme im zwischenmenschlichen und sportlichen Bereich sein.

So muss neben der Klarheit der vergebenen Rollen auch deren grundlegende Akzeptanz durch beide Spieler gegeben sein. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ein Partner im Schatten seines womöglich auf technisch/taktischer Ebene dominierenden Mitspielers sprichwörtlich „verkümmern“ soll, auch wenn ein Akteur eine vordergründig vielleicht eher unattraktive Rolle auszufüllen hat. Auch die Bedeutung dieser Rolle für den Gesamterfolg des Doppels muss von beiden Spielern verinnerlicht sein.

Dass ein Doppel wirklich in sämtlichen Belangen von nur einem Spieler dominiert wird, scheint auch deshalb wenig Erfolg versprechend, weil dieser die Last vieler gleichzeitig auszufüllender Rollen zu bewältigen hat - sofern er diesem Anspruch überhaupt gerecht werden kann.
Wenn ein Akteur gut aufschlagen, schon den ersten Volley „töten“ und dann auch noch kontinuierlich Bälle von der anderen Platzhälfte „räubern“ muss, ist er in der Regel schon im Hinblick auf die technisch-/taktische Funktions- und Aufgabenverteilung überfordert.
Kommt dann noch hinzu, die eigene Konzentration zu wahren, den Mitspieler immer wieder aufzurichten, taktischen Weitblick walten zu lassen und die Aktionen der Gegner adäquat zu interpretieren, wird das Anforderungsprofil aufgrund seiner Vielfalt und der ungleichen Statusstruktur der beiden Doppelpartner für die dominante Person sukzessive unerfüllbar.
     
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